Wenn Töne zu Berührungen werden

Iris Krall-Radulian nähert sich behutsam Herrn Karl, dessen Welt mittlerweile kaum größer ist als sein Bett. Herr Karl war früher Koch auf einem Kreuzfahrtschiff; die Hälfte seines Lebens blickte er durch das Bullauge der Schiffsküche aufs Meer. Und tanzen konnte er – mit einer Leichtigkeit, die im Gedächtnis blieb. Heute liegen seine einst so agilen Beine still unter der Bettdecke.

Behutsam umrundet Iris Krall-Radulian das Bett und drückt zur Begrüßung Herrn Karls raue Hand, bevor sie ihre Geige auspackt. Stille erfüllt den Raum. Herr Karl scheint zu schlafen. Sie legt das Instrument an, atmet ein und streicht mit dem Bogen über die Saiten. Zwei, drei, vier Takte. „Fly Me to the Moon“ von Frank Sinatra.

Die Melodie breitet sich im Zimmer aus – ruhig und klar. Und Herr Karl? Seine Mundwinkel bewegen sich leicht, die Lider flattern. Ein Bein schiebt sich unter der Decke nach vorne, als erinnere sich sein Körper an frühere Bewegungen. Herr Karl folgt der Musik, und seine Gesichtszüge entspannen sich zu einem Lächeln. Auch Iris Krall-Radulian lächelt. Als sie das Instrument absetzt, bleibt eine spürbare Ruhe zurück. Die Stille wirkt nun nicht mehr leer, sondern erfüllt.

Verbundensein ohne Worte
Nach zwei Schlaganfällen wird Herr Karl in der CS Pramergasse gepflegt. Vor einem halben Jahr hat er aufgehört mit Worten zu kommunizieren. „Musik ist der erste Sinn, der uns im Mutterleib mit der Außenwelt verbindet“, sagt Iris Krall-Radulian. „Sie schafft emotionale Nähe, ohne dass es Erklärungen braucht.“

Das war für sie der Anlass, zusätzlich zu ihrem Musikstudium eine Pflegeausbildung zu absolvieren – um ihre soziale und ihre musische Begabung zu verbinden. Früh hat sie erfahren, wie prägend gemeinsames Musizieren sein kann. Ihr Vater, selbst Musiker, sagte nicht: „Du musst jetzt üben.“ Er sagte: „Komm, wir üben gemeinsam.“

Dieses Miteinander, die ungeteilte Aufmerksamkeit, ist ihr als kostbar in Erinnerung geblieben. Daraus entwickelte sich ihre Haltung: aufmerksam sein, wahrnehmen, Zeit geben. Nähe nicht aufzudrängen, sondern entstehen zu lassen.

Ein Stück Kraft mitnehmen
Menschen wie Iris Krall-Radulian machen die CS zu einem Ort, an dem Achtsamkeit gelebt wird. Hier zählt oft der einzelne Moment: wenn sich Blicke begegnen, wenn ein Lächeln aufscheint oder eine Hand die andere erwidert. Für Iris Krall-Radulian ist ihre Tätigkeit mehr als ein Beruf. „Im Alltag verliert man sich leicht in Nebensächlichkeiten“, sagt sie. „Hier erlebe ich immer wieder, wie viel Kraft und Lebensmut trotz Krankheit vorhanden sind. Das relativiert vieles – und macht dankbar.“

Verschüttete Erinnerungen freilegen
Einmal im Monat organisiert sie ein Konzert in der CS Pramergasse. Manchmal spielt auch ihr Vater mit.  Bewohnerinnen und Bewohner, Angehörige und Mitarbeitende kommen zusammen. Musik wird zum gemeinsamen Erlebnis. 

Manchmal werden Erinnerungen wach. Manchmal entsteht einfach ein Moment der Sammlung. Und manchmal genügt es, dass ein Raum für eine Weile von Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit erfüllt ist.

Musizieren für die CS
Ein Konzert in großem Rahmen,dessen Einnahmen für die Menschen in der CS verwendet werden, findet
am 8. April im Wiener Konzerthaus statt. Der junge Cellist Jeremias Fliedl spielt begleitet von der Camerata
Academica Wien Werke von Edvard Grieg, Joseph Haydn und Franz Schubert. 

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