Frau Margarete W. tanzt wieder – für einen Moment

Die Töne, die Musiktherapeutin Sabine Herbst ihrer Gitarre entlockt, legen sich wie ein Zaubermantel um die schmalen Schultern von Margarete W. (89) Ihr rechter Fuß beginnt zu wippen, ihre Finger trommeln auf der Armlehne des Rollstuhls den Takt mit, sie öffnet den Mund und singt mit geschlossenen Augen. Der Text kommt ihr wie selbstverständlich über die Lippen: “When the saints go marching in“ von Louis Armstrong.

Der letzte Ton ist verklungen und Margarete W. erzählt: „Mit diesem Lied hat meine Liebe zum Jazz begonnen.
Als 10-jährige ging ich damals auf der Straße, dienach dem Krieg voller Löcher und Schutt war, und das Lied kam aus einem offenen Fenster aus dem Radio.“ Musiktherapeutin Sabine Herbst fragt nach. „Ja“, erinnert sich Frau Margarete W., „diese Art von Musik hat für mich Lebensfreude bedeutet. Später war ich eine leidenschaftliche Lindy-Hop-Tänzerin. Ach, bitte, können wir noch etwas singen?“ Sabine Herbst schlägt auf der Gitarre die ersten Takte von „What a wonderful world.“ Sie nickt Frau Margarete W. zu, als ihr Einsatz kommt. „I See trees of green…“ singt Frau Margarete W. mit fester Stimme und lächelt.

Erinnerungen wachrufen
Im Herbst 2023 erkrankte Margarete W. sehr schwer. Bis vor wenigen Wochen lebte in ihren eigenen vier Wänden begleitet vom mobilen Palliativteam. Umso schmerzfrei wie möglich Abschied nehmen zu können, wurde sie von ihrer Tochter in die CS begleitet. Bereits bei der ersten Begegnung mit Sabine Herbst öffnet sich Frau Margarete W. der Musiktherapeutin. Erinnerungen werden über die Musik wachgerufen, die Gedanken dürfen fliegen. Frau Margarete W. schöpft im Erzählen Kraft.

Trost und Stütze durch Musiktherapie
Behutsamkeit ist einer der wichtigsten Aspekte der Musiktherapie im Hospiz. „Es gibt keinen starren Therapieplan“, erklärt Frau Herbst, “Ich gehe bei meiner Arbeit individuell auf mein Gegenüber ein.“ Singen und Musizieren ruft Freude, Energie und positive Erinnerungen hervor. Sanfte Klangreisen eignen sich besonders um das Gefühl von „getragen werden“ hervorzurufen. Oft ist die Musik Anstoß zur Reflexion der eigenen Biografie, wie bei Frau Margarete W.. Auch Themen wie Abschied und Aufbruch tauchen auf. In diesem Fall wird der Musik eine stützende, tröstende oder spirituelle Aufgabe zugeschrieben. Musik als Therapieform gelingt es auch Menschen zu erreichen, die auf Sprache nicht mehr reagieren. Üblicherweise ist das Bedürfnis nach Ruhe bei Hospizgästen in der CS größer als die Lust auf Lautstärke. Doch manchmal ist es gerade der besondere Sound, der belebend wirkt.

 
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